Tag 4 - Der Weg ist geschafft
Du sitzt entspannt auf der Bank, die Sonne steht hoch am Himmel. Du schließt die Augen, rutscht etwas tiefer, neigst den Kopf in den Nacken und lässt die Sonne zu, spürst, wie sie sich langsam über dein Gesicht legt und die Wärme von ihm Besitz nimmt. Nun schiebt sich langsam ein weißes Wolkenband vor die Himmelskugel, die Strahlen brechen für eine kurze Zeit ab und du bemerkst den Schatten, der deine Haut kühlt, gleich einer weichen Hand, die dir sanft über deine Wangen fährt.
Du öffnest die Augen, siehst Bäume sich hoch aufragen über dich, Alleen von Bäumen, sonnendurchflutet, die zentral auf einen Pavillon zulaufen, bei dem du dich entspannst. Du siehst vor der Synagoge eine kleine Gruppe von jüdischen Kindern, die fröhlich miteinander spielen (und leider von Polizisten bewacht werden müssen) und du schaust einer Gruppe älterer Menschen zu, die bedächtig Thai-Chi-Übungen ausführen.
Nun bist du bei uns am heutigen Morgen angekommen im Parc du Contades, den wir vor der Rückfahrt aufsuchten, um am Ende der Fahrt einen ruhigen Abschluss zu finden. Was machten wir? Eine Gruppe flanierte durch die Alleen, eine andere, mit Tanktops bekleidete, annektierte einen Spielplatz und funktionierte in zum Gym für ihre Leibesübungen um. Andere gaben sich französisch und spielten Boule, wieder andere maßen sich im Wikingerschach und die letzten versuchten sich im Menschenschach…(womit nicht angedeutet werden soll, dass Wikinger nicht Menschen gewesen seien. Näheres kann der geneigte Interessierte zwischen Netflixserien und Dokumentationen auf ZDFinfo erfahren.)
Es war eine lebendige und harmonische Stimmung zum Abschluss, bei dem sich die Einzelnen immer wieder anderen Spielen anschlossen und auch deshalb Sinnbild für eine tolle Gesamtgruppe steht, mit der es viel Spaß gemacht hat, die mehrfach von den französischen Organisationen gelobt wurde: Es war sehr schön mit euch! (Und die Fähigkeit, im Wege zu stehen, kann in besonderen Augenblicken zur Stärke werden, vielleicht)
Und Dank an die Leitenden und im Besonderen die so wunderbar Planende, denen es gemeinsam ebenso innere und äußere Freude bereitet hat.
Und Dir und Ihnen, die hier bis in den Parc du Contades mitgekommen sind, möchten wir Dank aussprechen für das Interesse und uns verabschieden (denn nun wartet nur noch der Zug auf uns):
Merci et au revoir!
Tag 3 – Ein (zu) weiter Weg
Der Weg war heute (zu) lang. Das mochten sich die Schülerinnen und Schüler wohl nach dem heutigen Tag gedacht haben. Ahnen konnten sie es bereits heute Morgen beim Frühstück, denn wegen der Schlafmützigkeit mancher am gestrigen Morgen mussten sich alle am heutigen Morgen beim Frühstück anmelden. Historischer Exkurs:
Die Schlafmütze (des deutschen Michel) ist schon mehrere hundert Jahre das Symbol des deutschen Otto Normalverbrauchers. Aus dieser Perspektive ist es eine gelungene Symbiose aus geschichtlichen Kenntnissen und eigenen Schlafbedürfnissen, die allerdings auf einer Klassenfahrt das Programm komplett zerschießen kann.
Der heutige Programmpunkt erforderte den weitesten Weg, nämlich den zum Europäischen Parlament. Es folgte danach eine 4 Kilometer lange Schnitzeljagd durch das gesamte Europäische Viertel. Schon früh merkte man eine gewisse Widerständigkeit in Teilen der Gruppe. Diese manifestierte sich unter anderem auch in der Ablehnung von regenfester Kleidung, allen bisherigen Wettererlebnissen zum Trotz. Vor allen Dingen aber bemerkten wir diese Widerständigkeit im Parlamentsgebäude, als aus berufenem Munde anerkennend festgestellt wurde: „WIE KANN MAN NUR BEI JEDER GELEGENHEIT MITTEN IM WEG STEHEN?“ Und mit etwas Stolz können wir sagen, dass die Schülerinnen und Schüler keinen Weg aus bzw. offen ließen, sei es der Weg der Parlamentarier, der Fahrradweg, der Weg zur Tram oder der stufige Weg zwischen zwei Etagen. Auch Türen ließen sie nicht unbedacht, wie zornesrot eine Mitarbeiterin des Lieu d’Europe deutlich gestikulierend anmerkte. Aber es bleibt noch zu fragen, wem der größte Lorbeerkranz gebührt – Schule, Elternhaus oder doch dem Individuum?
Man kann ja nicht die ganze Zeit nur im Wege stehen – in den Phasen dazwischen bot sich den Schülerinnen und Schülern eine wunderbare Gelegenheit, den Aufbau und die Arbeitsweise des Europäischen Parlaments mit seinem riesigen Plenarsaal (der zweitgrößte der Welt) genau zu inspizieren, alles unter Beobachtung von über uns schwebenden Drohnen. Wir fühlten uns sicher im Innenhof, dessen Mauern mit roten Steinen aus den Vogesen erbaut wurden, wie auch das Straßburger Münster.
Es folgte eine spielerische Entdeckungsreise des gesamten europäischen Kontinents, was den Weg bedeutend verlängerte. Diese Reise durch Europa wurde angetreten in Begleitung einer erfahrenen Pädagogin mit lang bewährten Methoden der Wiederherstellung von Ruhe - dem pädagogischen Zug: „Ssssch! Ssssch! Ssssssssssssch!“ Dieser Zug brachte die Sssssschüler und Sssssschülerinnen im Verbund mit einem simplen großen Schaumstoffwürfel auf einen noch viel längeren Weg, nämlich den Weg in die eigene Kindheit. Es könnte sein, dass diese Reise in die Kindheit die Fähigkeit zur Pünktlichkeit temporär in Mitleidenschaft gezogen hat. War es vielleicht die Rückbesinnung auf kindliche Denkmuster, als die Schülerinnen und Schüler heute ihr verspätetes Erscheinen begründeten mit „der Zug ist falsch gefahren“? Wir konnten bisher noch nicht in Erfahrung bringen, ob der Zug rückwärts, auf dem falschen Gleis oder neben dem Gleis fuhr, aber es muss so gewesen sein. Kindermund tut Wahrheit kund.
Tag 2 - Der Weg ist ein Kreis
Was gestern noch geschah: Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem Fahrstuhl ohne Fahrstuhlbenutzerkarte, die mit der letzten Person bereits ausgestiegen ist, das Gefährt reagiert nicht mehr auf Tastendruck und Sie sind im Fahrstuhl gefangen. Jetzt haben Sie drei Möglichkeiten:
1. Sie können sich auf den Boden werfen und weinen. 2. Sie können nur weinen. Oder 3. Sie können wie Bruce Willis im Tanktop blutverschmiert den Notausstieg des Fahrstuhls des Nakatomi Towers aufstoßen und sich und das ganze Hotel retten. Nichts schien passend. Und somit blieb nur Möglichkeit 4: Reumütig, geständig und weniger heroisch zum Telefon zu greifen und eine Kollegin um Hilfe anflehen. Der Rest des Abends war ereignislos und ruhig.
Aber kommen wir zum heutigen Tage und zum Kreis. Zuerst stand ein geführter Stadtrundgang auf dem Programm, der am beeindruckenden Münster (im Mittelalter zeitweise das höchste christliche Gebäude der Welt) startete und dort auch wieder endete. Aber nicht jeder Kreis ist gleich: Entweder bekommt man eine gut recherchierte, faktenreiche und involvierende Führung, die einen auch auf Kurioses hinwies (z.B., dass zur Zeit Ludwigs des XIV. während der Glaubensstreitigkeiten eine Kirche mit einer Mauer geteilt wurde, sodass beide Konfessionen streitlos ihren Gottesdienst vollführen konnten). Oder man hat sogar das Glück, dass man in seiner Rolle als Tourist ernst genommen wird:
Szene 1. (La Petite France.)
FREMDENFÜHRERIN: „Hier ist ein gutes Restaurant.“
3 Minuten später.
FREMDENFÜHRERIN: „Hier ist auch ein gutes Restaurant.“
5 Minuten später.
TEILNEHMERIN: „War das nicht mal ein Gerberhaus?“
FREMDENFÜHRERIN: „Ja, heute ist es ein gutes Restaurant.“
4 Minuten später.
FREMDENFÜHRERIN: „Hier ist ein neues Restaurant, das habe ich noch nicht ausprobiert.“
Wir haben dann woanders gegessen.
Straßburg ist wunderschön: die pittoresken Gässchen, die historischen Fachwerkbauten und die sanft fließende Ill legen sich wie eine warme Decke auf das Gemüt des seligen Touristen. Wer sich traut die Decke ein Stück weit zu lüften und genauer hinzuschauen, entdeckt noch so viel mehr: verpixelte Störche, Diamanten und Oktopusse - ein junges, verspieltes Straßburg.
Im Kreis ging es weiter bei den Rundgängen durch das Musée d’art Moderne und Musée Tomi Ungerer. Der Zugang zu moderner Kunst ist gar nicht so leicht: Wir brauchten geschlagene 20 Minuten, um den verdammten Eingang zu finden. Was hätte Bruce Willis in dieser Situation gemacht? Wenn man erstmal drin war, gab es hin und wieder auch noch inhaltliche Annäherungsschwierigkeiten, aber am Ende sprach die Qualität und Auswahl der Kunstwerke für sich und wurde von vielen erhört. Im Musée Tomi Ungerer gelang selbiges leichter, nur manchmal war die verdammte Sprache im Weg (Merde!).
Zum Abendessen ging es ins traditionell anmutende Le Petit Bouillon, wo letztere heute nicht serviert wurde, sondern „Hähnchen trockäään“ und „Pommes labberique“. Es schmeckte der ganzen Gruppe. Der ganzen Gruppe? Nein. Ein von unbeugsamen Jugendlichen bevölkerter Tisch hörte nicht auf, der Nahrungsaufnahme Widerstand zu leisten. Aber was kann die Hähnchenhaut denn dafür, dass sie als Haar verspottet wird?
Das Widerständige spiegelte sich auch am Ende des Abends wider. Das Abbüßen der Missetaten des heutigen Tages wurde sträflich missbraucht für Muskelaufbau sowie Spiel, Spaß und Spannung. Wo bleibt denn da unser Spaß?
Quelle folie! Welch ein Wahnsinn!
Tag 1 - Der Weg ist das Ziel
Jeder Weg fängt einmal an, immer zu früh: zum Beispiel erinnert sich niemand an den Anfang seines Lebensweges – oder wer kann sich noch an seine Geburt erinnern?
Und so war es auch bei unserer Fahrt nach Strasbuuuuurr, wie man auf vielen Gesichtern ablesen konnte. Nicht jeder hat den frühmorgendlichen Beginn unserer Reise mitbekommen. Sollte der Volksmund Recht mit seiner These, der Weg sei das Ziel, haben, dann solle man einmal darüber sinnieren, worin der Sinn in folgender Situation des Weges lag:
Wagen 21. Ein über der Mitte des Lebens stehender Mann. Mit Handy. Die Kopfhörer bereits auf den Ohren.
Leider vergaß er die Sicherstellung der Verbindung zwischen beiden Geräten und gab sich seinen zwei Leidenschaften hin: 1. Den schnulzigen Liedern des allseits bekannten Barden Chris de Burgh. Sich in Sicherheit wiegend, dass dieser musikalische Genuss des intimen Augenblicks nur ihm allein gehörte, drehte er auf volle Lautstärke, nicht merkend, dass dieser Genuss allen im Wagen 21 zuteil wurde. 2. Dieses philanthropische Ansinnen wider Willen, wurde gesteigert durch seine zweite Leidenschaft: Candy Crush. Untermalt von der Musik Chris de Burghs durften wir an seiner Erfolgsserie teilhaben.
Besteht der Sinn nun im Miterleben dieser altruistischen Geste dieses Menschenfreundes? Zeigt die Situation das Auseinanderdriften der unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten im Zeitalter technischer Radikalisierung? Wurden uns hier der Spiegel vorgehalten, weil wir nur lachten, anstatt selbst selbstlos zu helfen? Oder ist Chris de Burgh etwa wieder cool?
Manchmal kann der Weg auch so schön sein: Wir kommen an im schönsten sommerlichen Wetter (28 Grad, Sonnenschein, der Duft von Freiheit) oder wie unsere Jugendlichen so trefflich formulierten: „Boah, ist das heiß/scheiße heiß!“. Und das Wunderbare an dieser Reise ist, dass der Weg uns scheinbar Folge leistet mit Wolken, Regen, einer erfrischenden Brise, einer langen erfrischenden Brise oder wie es die Jugend kurz behost im weißen T-Shirt ausdrückt: „Boahnäääää!/Jetzt pisst das auch noch!“.
Dabei legt uns der Weg die Antwort vor die Füße: Einen Regenschirm für 3,60 Euro (1,20 Euro pro Tag). Alors, c’est NORMAL (22 Place Kléber, 67000 Strasbourg, links neben dem Eingang). Dieser Schirm zeichnet sich nicht zuerst durch Qualität, sondern durch Spiel, Spaß und Spannung aus, ohne dabei ein konventionelles Überraschungsei zu sein. Wird er uns den ganzen Weg begleiten können?
Was wir im Café Hoffnung in Frankfurt erahnten, gewahrten wir am Abend beim Anblick eines Regenbogens in Straßburg: Dieser Weg wird kein falscher sein.
Bonne nuit!

























































